FV PK Sonnberg/Zumberk e. V.
Kopf

 

 

Pfarrkirche St. Johannes der Täufer - Glocken

 

"Abschied"

Pfarrer Reichenauer berichtet 1942 über den Verlust der Glocken:

“Am 19.01.1942 nahmen die Glocken von uns Abschied, und zwar die größere und die kleine, die mittlere blieb.

Die Abnahme der Glocken hatte die Baufirma Hoffelner aus D. Beneschau über. Als Arbeiter waren Zimmerleute aus Chwalkahof beschäftigt. Vor der Abnahme konnten wir noch alle einmal hören. Als die große Glocke die Glockenstube verließ und herabgelassen wurde, gab die mittlere Glocke das Abschiedsgeläute. Die große Glocke hatte ein Gewicht von ca. 500 Kg und einen Durchmesser von 94 cm. Folgende Inschriften waren darauf:  oben, ”Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich”, in der Mitte das Bild unseres Kirchenpatrons d. hl. Joh. des Täufers und unten die Aufschrift „Gegossen im Jahre des Herrn 1924 von Rudolf Perner in Budweis”. Die kleine Glocke hatte ein Gewicht von ca. 30 Kg und einen Durchm. von 34 cm.  Aufschrift auf einer Seite: “L.P. 1924”, Siegel Rudolf Perner, Budweis, auf der zweiten Seite ein Bild, die Armen Seelen im Fegefeuer, darauf stehen die schmerzhafte Muttergottes mit dem gekreuzigten Heiland.

Für die abgelieferten Glocken wurde von der Reichsstelle f. Metalle  i. A. Kreishandwerkerschaft Kaplitz eine Empfangsbestätigung auf 530 Kg Metall ausgestellt mit Datum vom 1. Juni 1942.”

Aufschrift der mittleren Glocke

 

 

Die 1942 verbliebene dritte Glocke (siehe Abbildungen) befindet sich immer noch im Turm der Pfarrkirche. Glockenstuhl und Glocke scheinen funktionstüchtig. Wir hoffen, dass wir diese Glocke demnächst wieder läuten können - spätestens zum ersten feierlichen Gottesdienst nach Ende der Kirchenrestaurierung.  

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GlockenturmGLAUBE UND HEIMAT Jahrgang 62 / Heft 5 / Mai 2010


Die Glocken der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Sonnberg/Žumberk Südböhmen

Die festliche Begleitung des Kirchenjahres und der sonntägliche Ruf zum Kirchgang ist zumindest in ländlichen Gebieten noch heute mit Glockengeläut verbunden und an sich nichts Ungewöhnliches. Aber wir müssen uns vorstellen, dass Glocken und Glockenschlag über Jahrhunderte zum öffentlichen Leben gehörten und bis weit in das 20. Jahrhundert nicht nur in der dörflichen Umgebung den Tagesablauf der Menschen bestimmten, Beginn, Pause und Ende des Tagwerks und die Tagesmahlzeiten einläuteten und auch die persönlichen Geschicke der Menschen begleiteten: Die Sterbeglocke begleitete auf dem letzten Gang, die Feuerglocke rief zur Wehr und die Sturmglocke warnte vor dem Feind - Glocken bestimmten den Pulsschlag der Zeit.

Glocken waren „Persönlichkeiten“, die oft reichlich verziert, geweiht und mit Namen versehen, vom Patron oder der Gemeinde gestiftet, eine jede ihre Stimme und Aufgabe hatte und doch gemeinsam harmonisch „klingen“ mussten… so auch in Sonnberg.

Die einzige verfügbare und verlässliche ältere Quelle, die uns Auskunft über das historische Geläut der Sonnberger Kirche geben kann, ist anscheinend die Topographie von Anton Czechner aus dem Jahre 1929 1a). Ältere Aufzeichnungen scheint es nicht zu geben, auch die Pfarrchronik schweigt sich über die Sonnberger Glocken aus und vermerkt erst 1942 den kriegsbedingten Verlust zweier „jüngerer“ Glocken 1b).
Anton Cechner führt in seiner Topographie von 1929 auf den Seiten 423/424 vier Glocken in Sonnberg an:

„Glocken I.–  Höhe 72 cm, Durchmesser 100 cm, die Henkel mit Torus-Relief geschmückt; unter dem Kronenrande die Aufschrift:
DICATA ET CONSECRATA HONORI S.JOAN : BAP : SVB COLATORE CELSIS PRINCIPE PHILIPPO EMANVELE DE LONGEVAL.
Darunter ein barocker nach unten gekehrter Au[n]themionst[r]eifen. Am unteren Mantelrande die Aufschrift:
ZV DER EHR GOTTES LEIDT MAN MICH · DIE LEBENDIGEN PERVFE ICH ·  DIE TODTEN PEWEIN ICH · MELCHIOR SCHORER IN LINZ GOSS MICH  MDCCI [1701]
Auf dem Mantel in Relief Hlg. Johannes d. T. und ein Doppelkreuz.

[Glocken] II. – Höhe 45 cm, im Durchm. 63 cm. Die Henkel schnurartig gedreht. Unter dem Kronenrande ein Perlstab, auf dem Mantel in Relief ein männlicher und zwei weibliche Heilige; darüber ein Taler mit dem berittenen Ferdinand I. Auf der anderen Mantelseite die Rückseite des Talers, darunter im Lorbeerkränzchen die Aufschrift :
PAVL SCHANDELER IN DER FRAISTADT 1574

[Glocken] III. – Höhe 28 cm, im Durchm. 40 cm. Die Henkel glatt, unter der Krone eine Rokokotorus. Auf dem Mantel das Glockengießer Abzeichen: eine Glocke mit zwei Lafetten. Ringsum die Aufschrift:
JOHANN ADAL.  PERNER IN BVDWEIS ANNO 1827

[Glocken] VI[IV]. – Höhe 21, im Durchm. 29 cm. Unter dem Kronenrande ein Rokoko-Ornament. Darüber die Aufschrift:
JOSEPHO PERNER FVSA · BVDVICKY · A · 1777
Auf dem Mantel in Relief Skt. Florian.

Anton Cechner hat das Material zu seiner Topographie in  den Jahren 1914 bis 1920 zusammengetragen. Die im ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 zu Kriegszwecken requirierten Glocken wurden von ihm nachträglich im Text mit „●“ gekennzeichnet 1c). Danach hat anscheinend von den ursprünglich noch 1914 vorhandenen vier Glocken Sonnbergs nur die unter II. aufgeführte älteste Glocke aus 1574 den ersten Weltkrieg unbeschadet überstanden.

Über die folgenden Jahre zwischen den Weltkriegen gibt es anscheinend keine Aufzeichnungen; auch die Pfarrchronik schweigt sich über Veränderungen im Glockenbestand - die es aber gegeben haben muss -  leider aus. Nur in der Chronik der Ortschaft Haid findet sich eine kurze Notiz über eine Glockenweihe in Sonnberg im Jahre 1924 (s.u.). Erst 1942 vermeldet der Sonnberger Chronist wieder den Verlust bzw. die kriegsbedingte Einziehung zweier [junger]  Glocken aus einem Bestand von drei Glocken, also zweier Glocken, die nach dieser Eintragung erst 1924 gegossen wurden und deshalb auch in den Aufzeichnungen von 1920 noch nicht zu finden waren.

Vom ursprünglichen dreistimmigen Geläut der Sonnberger Kirche ist wiederum leider nur die älteste, die mittlere Glocke erhalten geblieben. Die beiden anderen Glocken wurden 1942 abgenommen und nach Hamburg an der Elbe in die zentrale Sammelstelle verbracht. Von dort wanderten sie, wahrscheinlich wie viele tausend Glocken aus dem damaligen Reichsgebiet,1d.) direkt in die Schmelzöfen der Rüstungsindustrie und sind damit unwiederbringlich verloren. 2.)

Hamburg_Glocken Hamburg_Glocken

Bilder: Freihafen u. Glockenfriedhof, Hamburg 1947

© Copyright Bundesarchiv

Chronik
Chronik der Pfarrgemeinde Sonnberg
Die Sonnberger Pfarrchronik (Chronist: Pfarrer Franz Reichenauer) berichtet über die Abnahme der Glocken wie folgt:

"Am 19.01.1942 nahmen die Glocken von uns Abschied, und zwar die größere und die kleine, die mittlere blieb. Die Abnahme der Glocken hatte die Baufirma Hoffelner aus D. Beneschau über. Als Arbeiter waren Zimmerleute aus Chwalkahof beschäftigt. Vor der Abnahme konnten wir noch alle einmal hören. Als die große Glocke die Glockenstube verließ und herabgelassen wurde, gab die mittlere Glocke das Abschiedsgeläute.
Die große Glocke hatte ein Gewicht von ca. 500 Kg und einen Durchmesser von 94 cm. Folgende Inschriften waren darauf: oben, ”Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich”, in der Mitte das Bild unseres Kirchenpatrons d. hl. Johannes des Täufers und unten die Aufschrift „Gegossen im Jahre des Herrn 1924 von Rudolf Perner in Budweis”.
Die kleine Glocke hatte ein Gewicht von ca. 30 Kg und einen Durchmesser von 34 cm. Aufschrift auf einer Seite: “L.P. 1924”, Siegel Rudolf Perner, Budweis, auf der zweiten Seite ein Bild, die Armen Seelen im Fegefeuer, darauf stehen die schmerzhafte Muttergottes mit dem gekreuzigten Heiland. Für die abgelieferten Glocken wurde von der Reichsstelle f. Metalle i. A. Kreishandwerkerschaft Kaplitz eine Empfangsbestätigung auf 530 Kg Metall ausgestellt mit Datum vom 1. Juni 1942.“

Somit wissen wir also im Detail, wie diese beiden Glocken beschaffen waren und seit wann sie zum Sonnberger Geläut gehörten.  Beide sind 1924 in der Glockengießerei von Rudolf Perner in Budweis gegossen worden. Leider gibt der Chronist keine weiteren Informationen über die Kosten der Glocken, wer sie finanziert oder gespendet hat und wann sie tatsächlich geweiht wurden. So können wir nur vermuten, dass die Glockenweihen im Jahr 1924 oder spätestens 1925 stattfanden. Die Weihe der großen Glocke wird nur durch einen Eintrag in der Chronik der Ortschaft Haid belegt:

"Am 28. September 1924 wurde in Sonnberg eine 500 kg schwere Glocke auf den Namen Johannes geweiht. Aus diesem Anlasse wurde eine Feldmesse gelesen und eine Festpredigt gehalten. So müssen wir vermuten, dass die Glockenweihe im Jahr 1924 oder 1925 stattfand.  Die schöne Feier war vom schönsten Wetter begünstigt.“ 3.)

Vielleicht finden sich aber noch Zeitzeugen, die darüber berichten können. Ansonsten ist es schon ungewöhnlich, dass die Sonnberger Pfarrchronik, vom damaligen Pfarrer Anton Steinberger seit 1909 über Jahre akkurat geführt, sich über diese wichtigen Ereignisse ausschweigt und überdies ab ca. 1922 bis 1935 keinerlei Eintragungen aufweist. Erst mit der Bestellung eines Pfarradministrators aus Gratzen im Jahre 1935 wird die Chronik weitergeführt.  

Besser sind wir über den vortrefflichen Glockengießer Rudolf perner informiert: Die Glockengießerei Perner wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts in Budweis gegründet4.). Ursprünglich stammen die Perners aus Pilsen, wo Johannes Perner 1710 eine Gießhütte errichtete und die Familientradition der Glockengießer begründete. Diese Gießerei stellte leider 1905 ihren Betrieb ein, im Gegensatz zum Familienzweig der Perners in Budweis, die seit dem 18. Jahrhundert dort ansässig, ihre Glockengießerei erst 1945 mit der Vertreibung schließen mussten und 1947 in Passau neu begründeten. Bis heute werden bei Perner in Passau Glocken gegossen und in alle Welt geliefert.

Perner

Bild: Passauer Glockengießerei Perner© Copyright Perner

 

Nun zur ältesten und wertvollsten Sonnberger Glocke, die alle Kriege und Wirren bis heute überstanden hat, noch heute im Turm der Sonnberger Kirche hängt und nach ihrem Glockengießer die

"Chandler-Glocke" genannt wird:

Glocke

Die Daten der Glocke: ca. 630 mm Durchmesser, Höhe des Glockenkörpers ohne Krone: ca. 450 mm, die Krone mit 4 Bügeln: ca. 100 mm

Glockenzier und Glockenkrone: Was die Ausstattung bzw. die Glockenzier betrifft, so ist die Sonnberger Glocke relativ schmucklos gehalten. Bis auf einen ca. 8 cm hohen umlaufenden Ornamentstreifen mit Renaissance-Zierformen am oberen Rand des Glockenkörpers (siehe Abbildung), finden sich keine weiteren Schmuckelemente.

Glockenkrone Glockenzier

Das Glockenmedaillon: Nach der Inschrift des Medaillons zu urteilen, wurde die Glocke von einem Paul“Chandler 1574 in Freistadt gegossen.
Als Glockengießer können wir Paul(us) Chandler identifizieren. Ein Glockengießer Paulus (Paul“ – Kurzform von Paulus) lässt sich zur fraglichen Zeit in Freistadt nachweisen.

Medaillon
   • P A U L“
   C H A N D L
 E R • I N • D E R
  F R A I S T A T
      • 1 5 7 4 •    
In der „Glockenkunde“ von Karl Walter5.), dem deutschen Standardwerk zur Glockenkunde, wird ein Paulus in Freistadt aufgeführt:
„Paulus, nach der Chronik von Strengberg beigenannt, Springinsfeld, in Freistadt in Oberösterreich, Glocke von 1573 in Stephanshart, Diözese St. Pölten“. 6.)
Ob unsere Glocke tatsächlich in Freistadt gegossen wurde, ist sehr fraglich. Im Mittelalter bis in das 18. Jahrhundert hinein war es üblich, dass fahrende Glockengießer vor Ort mit dem Glockenguss beauftragt wurden. Straßenverhältnisse und Transporttechnik waren noch nicht so, dass bis zu tonnenschwere Glocken über weite Entfernungen zu vertretbaren Kosten transportiert werden konnten. Bequemer und vor allem kostengünstiger war es, vor Ort gießen zu lassen. Außerdem konnte der Auftraggeber die Qualität des Schmelzgutes unmittelbar kontrollieren und war so vor möglichen Betrügereien gefeit. 7.)

Zur Qualität der Glocke ist zu berichten, dass zur fraglichen Zeit (Hochrenaissance in Deutschland), das Handwerk des Glockengießers bereits im Niedergang begriffen war. Auch hier in den österreichisch/böhmischen Landstrichen wurde anscheinend nicht mehr nach alten überlieferten Traditionen geformt und gegossen. Nicht anders ist es zu erklären, dass unsere Glocke, obwohl noch 1574 entstanden, ihren Proportionen nach nicht mehr als hochwertige spätgotische Glocke sondern bereits in der (Rippen-)Form8.) einer klassischen Renaissance-Glocke9.) gegossen wurde.
Die Glockengusstechnik erreichte bereits im Spätmittelalter im 15. Jahrhundert ihren (musikalischen) Höhepunkt und die damals entwickelte so genannte gotische Dreiklangrippe10.) steht noch heute für die Norm einer wohlklingenden Glocke. Darüber hinaus ermöglichten diese spätgotischen Glockenformen erstmalig eine harmonische Zusammenstellung mehrstimmiger Geläute.
Leider verflachte In den folgenden Jahrhunderten die Kunst des Glockengießens. Viel Wissen ging durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges verloren. Erst im 19. Jahrhundert besann man sich wieder der mittelalterlichen Glockengusskultur und der Qualität der spätgotischen Dreiklangrippe. Aber erst viel später nach dem 2. Weltkrieg konnten die Glockengießer wieder an das hohe Niveau des späten 15. und des frühen 16. Jahrhunderts anknüpfen. Nach Form und Gussdatum müssen wir die Sonnberger Glocke daher leider eher den Renaissance-Glocken zurechnen, die, gedrungener und dünnwandiger und damit Material sparender in ihren Ausführungen, das Klangniveau ihrer spätgotischen Vorbilder meist nicht mehr erreichten.

Unterhalb des großen bereits beschriebenen Medaillons mit den Initialen des Glockengießers fällt jedoch noch ein kleines ca. 8 cm großes kreisrundes Medaillon oder Siegel auf, das dem oberflächlichen Betrachter einige Rätsel aufgibt.

Siegel u. Medaillon
Siegel

Als Schmuckmedaillon zu klein, wird es von Form und Inhalt vermutlich eher eine hoheitliche Funktion  als Siegel haben: In der Mitte dominiert ein Wappenadler, in der Aufsicht Blickrichtung nach links, mit einem Wappenschild als Korpus, waagerecht gestreift mit Wappenschild. Nach Bild und Ausstattung (Adler, hier zusätzlich mit dreistreifigem Bindenschild auf dem inliegenden Wappenschild) entspricht die Heraldik dem Tiroler Wappenadler und lässt sich damit auf das Wappen der Grafen von Tirol zurückführen. Dieses bayerische Hochadelsgeschlecht mit Stammsitz Burg Tirol bei Meran, schuf die territoriale Basis für die spätere Grafschaft Tirol. Die Habsburger, seit 1363 im Besitz der Grafschaft Tirol, übernahmen diesen Tiroler Adler als Zeichen ihrer landesfürstlichen Hoheit.11.)+ • • +

Der Bindenschild wiederum war ursprünglich das rot-weiß-rote Wappen der Babenberger für deren Besitzungen in der Mark im Osten Bayerns, das heutige Ober- und Niederösterreich. Und bereits 1282, als die Habsburger Herzöge von Österreich wurden, wurde der Bindenschild in die Heraldik der  Habsburger übernommen und in den folgenden Jahren zum eigentlichen Wappen der Dynastie weiterentwickelt. In der Folge nannten sich die Habsburger auch Haus Österreich. Die herrschenden Habsburger in Spanien führten z. B. nicht den Namen Habsburg sondern Casa de Austria. Rot-Weiß-Rot ließen die Habsburger in alle Staatssymbole einarbeiten; es war das Symbol der herrschen Oberhoheit. Das Regionalwappen blieb (hier der Tiroler Adler); es zeigte die Habsburger als jeweiligen Landesherrn.12.)
Damit dürften die heraldische Ausstattung bzw. die Herkunft von Adler und Bindenschild geklärt sein.

Umschrift des Siegels:

+ I N F A N S • H I S P A N I E N • A R C H I D V X • A V S T R I E • D V X • B V R V G U N D I E + 

Die Umschrift des Siegels, die zwar im Laufe der Jahrhunderte arg gelitten und mehrere Fragmente ziemlich kryptisch erscheinen,konnte mit einiger Mühe doch noch entschlüsselt werden (das U wird als V dargestellt)13.):

+ PRINZ VON SPANIEN • ERZHEROG ZU ÖSTERREICH • HERZOG ZU BURGUND + 

Heraldik und Umschrift des Siegels passen zur Datierung der Glocke (1574), künden von der Machtfülle der Habsburger zu jener Zeit und lassen sich konkret Kaiser Maximilian II (*1527 in Wien, †1576 in Regenburg) zuordnen. Maximilian wurde 1562 in Prag zum König von Böhmen gekrönt und im gleichen Jahr in Frankfurt zum Römisch-Deutschen König gewählt. 1564 folgte er seinem verstorbenen Vater Ferdinand I. auf den Kaiserthron nach.14.)

Kaiser Maximilian II, römisch-deutscher Kaiser seit 1564, starb 1576. Ihm folgte sein Sohn, der Habsburger Rudolf II., der seit 1572 die ungarische Stephans- und seit 1575 die böhmische Wenzelskrone trug und 1576 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt wurde. Seine Kindheit verbrachte Maximilian im Hause der Eltern in Innsbruck/Tirol.  Sein Onkel Kaiser Karl V. holte ihn mit 17 Jahren nach Spanien und verheiratete ihn mit seiner Tochter Maria. In der Abwesenheit des Kaisers regierte Maximilian als Statthalter in Spanien (seit 1548). - Hier finden wir die Titel der Umschrift und die Heraldik wieder, wie beschrieben.

Die Zeit Maximilians II. war geprägt von konfessionellen Unruhen. Er vertrat die Idee, er müsse als Kaiser über den Konfessionen stehen. Anscheinend hegte er auch gewisse Sympathien für die Lehren des Protestantismus und machte daraus auch kein Hehl. In den Auseinandersetzungen um die Nachfolge Karl V. – nach dessen Tode sollte sein Bruder Ferdinand und danach nicht dessen Sohn Maximilian (unser Maximilian) sondern Karls Sohn, Philipp von Spanien, die Kaiserwürde übernehmen - opponierte Maximilian mit Hilfe des protestantischen Lagers im Reich erfolgreich gegen diese Pläne.
Seine latenten protestantischen Neigungen führten dazu, dass er die katholischen Riten ablehnte und sich weigerte, das Abendmahl nach katholischem Ritus zu empfangen. Mit seiner pro evangelischen Haltung geriet er jedoch zunehmend unter öffentlichen Druck. Sowohl sein Vater Ferdinand I als auch die römische Kurie und seine spanische Verwandtschaft versuchten auf ihn einzuwirken. Seine evangelischen Verbindungen erwiesen sich in der Folge als nicht ausreichend tragfähig und so musste er sich Kaiser und Familie politisch beugen: Im Jahre 1562 legte er seinem Vater gegenüber das Treuegelöbnis ab, im Schoße der katholischen Kirche zu verbleiben und nicht zu konvertieren. 1564 folgte er seinem Vater als Kaiser und Erzherzog von Österreich nach.

Maximilian

Kaiser Maximilian II.

© Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, Wien

In seiner Religionspolitik war Maximilian vergleichsweise tolerant und versuchte zwischen den Konfessionen auszugleichen. Den österreichischen Ständen bot er 1568 eine Religionskonzession auf der Basis des Augsburger Bekenntnisses von 1530 an. Das wiederum führte zu erheblichen Irritationen und Widerständen im habsburgischen Europa. Als König von Böhmen nahm Maximilian 1575 in Prag von den Ständen die „Böhmische Konfession“, einem gemeinsamen Bekenntnis  aller protestantischen Strömungen Böhmens, entgegen. Letztlich blieb Maximilian bis zu seinem Tode ein „Wanderer zwischen den Welten“ – sowohl Protestanten als auch Katholiken versuchten ihn auf ihre Seite zu ziehen: Auf dem Sterbebette verweigerte er die letzte Ölung und die Sterbesakramente – er fühlte sich dem Protestantismus näher als der katholischen Kirche.
Soweit die Spuren der Habsburger in Südböhmen und die Zeitumstände, als unsere Glocke nach Sonnberg kam…

Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass die Sonnberger Kirche die Wirren des beginnenden 17. Jahrhunderts mit ihren wechselnden Konfessionen in der Region und die folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen während des Dreißigjährigen Krieges unbeschadet überstehen konnte.15.) Über die Jahrhunderte danach wissen die Quellen über Sonnberg wenig zu berichten. Abseits des großen Weltgeschehens gelegen, gingen die großen Ereignisse an der südböhmischen Idylle anscheinend spurlos vorüber. Bis im 20. Jahrhundert mit den Katastrophen der beiden Weltkriege und den Ereignissen danach die kleine Welt Sonnbergs, das alte Sonnberg, endgültig unterging.
Und heute? Was könnte unsere Glocke im Sonnberger Kirchturm über die letzten Jahrzehnte berichten? Sie ist seit 1945 verstummt; es war kaum jemand da, der sie hätte läuten können. Die Kirche verkam. Erst seit 2004, mehr als  60 Jahre nach Ende des letzten Krieges, der mit seinen Verheerungen und Verwüstungen in der Folge auch diesen Landstrich unwiederbringlich veränderte, bemühen sich Deutsche und Tschechen gemeinsam wieder um die alte Sonnberger Kirche. Auch das  alte Geläut im Turm war in der Diskussion: Der Glockenstuhl musste erneuert werden. Statikprobleme und Auslegung der neuen Konstruktion provozierten Fragestellungen, die Ursachen und Folgen des letzten Krieges wieder offenbar werden lassen:
Wie soltel der Glockenstuhl ausgelegt werden? Sollte er mehrere Glocken tragen (können); drei Glocken, wie das Geläut bis 1942 ausgestattet war? Oder nur eine Glocke - die älteste, die „Übriggebliebene“?
Die gemeinsame Entscheidung:  Das einsame Geläut der einen, der „Übriggebliebenen“, soll künftig an die Ursachen, Schrecken und Folgen des Krieges erinnern und an ihre zwei Schwestern, die im letzten Krieg geblieben sind.

Die „Übriggebliebene“ soll bleiben  - zur Erinnerung, zur  Mahnung und zur Versöhnung!

© Ernst Wohlschläger (2010)

 

1a.)Topographie der Historischen und Kunst-Denkmale. Der politische Bezirk Kaplitz. von Anton Cechner, Prag 1929, Sonnberg, Seite 412 bis 424
1b.) Sonnberger Pfarrchronik, 1942, Pfarrer Franz Reichenauer
1c.) Topographie der Historischen und Kunst-Denkmale. Der politische Bezirk Kaplitz. von Anton Cechner, Prag 1929, Sonnberg, VORWORT, Prag 1929
1d.) Insgesamt wurden von 1939 bis 1945 über 90.000 Glocken nach Hamburg verbracht. Davon wurden ca. 75.000 Glocken eingeschmolzen. Wikipedia/Glockenfriedhof
2.) Siehe auch „Beitrag zur südböhmischen Glockengeschichte“ von Fritz Huemer-Kreiner,    Glaube und Heimat, Jahrgang 19, 15. Oktober 1967, Nr. 20, S. 827/828
3.) Ortschronik Haid, Seite 76, Staatsarchiv Trebon/Wittingau http://digi.ceskearchivy.cz/
4.) Glockenmuseum Stiftskirche Herrenberg/Glockengießer
5.) Karl Walter: Glockenkunde. Regensburg 1913
6.) ebenda, Seite 837
7.) ebenda, Seite 672
8.) Glockenrippe: Formgebung und Profilgestaltung der Glocke.
9.) Renaissance-Glocke (französische Rippe): Verhältnis der Glockenhöhe zum Rippenradius: 4:2,2
10.) Spätgotische Dreiklangrippe: Verhältnis der Glockenhöhe zum Rippenradius: 4:1,8
   Glockenmuseum Stiftskirche Herrenberg/Entwicklungsgeschichte der Glocken
11.) Wikipedia: Tirol
12.) Ebenda: Haus Habsburg
13.) Übersetzung/Interpretation: Michael Ambrosch, Wien
14.) Wikipedia: Maximilian II.
15.)Siehe auch „Theobald Hock - Poet und Herr der Feste Sonnberg von 1610 bis 1618“,             
   Ernst Wohlschläger, Glaube und Heimat, Jahrgang 60, August 2008, Nr. 8, Seite 14 f.,

 

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